Es ist nicht gelogen, wenn ich hier schreibe, dass ich meine Omi und Opi liebe und es ist auch nicht gelogen, wenn ich jetzt schon sage, dass es mir weh tut dabei zusehen zu müssen, wie sie langsam älter werden. Ich beobachte kritisch, wie Oma mit schmerzverzerrtem Gesicht aufsteht und meint, dass ihre Hüfte kaputt ist und ich sehe argwöhnisch dabei zu, wenn mein Opa sein Gebiss einlegt. In diesem Momenten bin ich das kleine Mädchen von früher und möchte ihre Hände halten und sagen: „Versprecht mir, dass ihr immer da sein werdet.“ Ich frage nichts, denn ich kenne die Antwort: Sie werden nicht für immer da sein und ich merke es nur zu gut, dass das Leben endlich ist. Eine Endlichkeit, die ich trotzig, wie das kleine Mädchen, nicht akzeptieren möchte, aber doch akzeptieren muss.

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Rede ich mit meinem Mann über meine Ängste, dann sagt er immer: „Das gehört zum Leben dazu, Schatz.“ Ja, natürlich gehört der Tod zum Leben, aber vorstellen mag ich es mir nicht und erleben auch nicht. Auch sagt er: „Du wirst zu kämpfen haben, ganz sicher. Ich weiß aber, dass du eines Tages damit leben wirst und es einfach akzeptieren musst. Jetzt denk nicht so viel darüber nach.“ Ich bin ein Mensch, den man wohl damit beschreiben würde, dass ich mein Herz auf der Zunge trage. Ich mache mir über alle möglichen Optionen Gedanken und mir ist alles heilig, was mir lieb ist. Wenn ich eines im Leben hasse, dann ist das Ohnmacht gegenüber Umständen, die ich nicht in der Hand habe. Es ist sogar so schlimm, dass ich bei dem Gedanken daran förmlich verrückt werden könnte und deshalb schiebe ich das Thema Tod ganz weit weg von mir.

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Ich kann mich noch gut daran erinnern, als meine Uroma starb und als ich wusste, dass ihre Tage langsam zu Ende gehen, baute ich eine Mauer auf und ging auf Abstand, weil ich Angst hatte, dass es mich mitnimmt. Damals war ich ungefähr 14. Ich kann mich an jede Minute der Trauerfeier erinnern. Ich heulte wie ein Schlosshund. Es kam alles hoch und zu sehen, wie mein Opa um seine Mutter weinte, gefroren mir meine Adern. Es war einschneidend und schlimm und wenn ich könnte, würde ich sowas einfach umgehen, nie wieder erleben wollen und wegschließen…

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wie wertvoll Momente und Erinnerungen sind…

Anfang des Jahres gab es einen Einschnitt, der meine Denkweise ändern sollte. Bei einer Untersuchung fiel auf, dass die Werte bei meiner Großmutter nicht okay sind und sie wurde ins Krankenhaus verlegt, um einmal durchgecheckt zu werden. Glücklicherweise sind es altersgewöhnliche Erscheinungen und eine schlimme Vermutung wurde nicht bestätigt. Dennoch merkte ich, dass jeder Tag eine Ungewissheit mit sich bringt und ich die Zeit, die wir haben, nutzen möchte, nein nutzen muss, denn sie wird mir niemand wieder geben. Seitdem versuche ich sie mehr zu besuchen, lade sie oft mehrere Tage zu uns ein, lasse sie an meinem Alltag teilhaben, ja Oma kann sogar inzwischen ihre Landfilme am Tablet anschauen und weiß, was WhatsApp ist. Genauso unterhalte ich mich mit Opa und ihr gerne über früher. Ich frage sie bewusst aus, wie ihre Kindheit war und was sie erlebt haben. Ich lasse mir Familienrezepte weitergeben. Ich lasse mir Sachen stricken und ich lies mir vor einiger Zeit von ihr das Häkeln und Stricken (okay, ich kann nur Stirnbänder stricken) beibringen.

Zudem habe ich ihnen Erinnerungsalben* gekauft und diese Rezeptbücher*. Darin sind nicht nur IHRE Rezepte und Erinnerungen, sondern ihre Schrift, ihre ganz eigene, saubere und einzigartige Handschrift. Ich bin mir sicher, dass mir das eines Tages viel Wert sein wird.

erinnerungsalben

Natürlich weiß ich, dass ich die Zeit trotz aller Unternehmungen nicht aufhalten kann und ich weiß auch, dass sie nicht jünger werden. Genauso weiß ich, dass der Tag kommen wird und von mir ein Stück abbrechen wird, aber ich bin mir sicher, dass ich einen Rucksack voll toller schöner Erinnerungen und Erfahrungen mitnehmen werde, die ich meinen Kindern weitergebe und wer weiß, vielleicht wird Omis Geschichte eines Tages noch von meinen Ururenkeln gelesen und sie damit ein ganz kleines bisschen unsterblich gemacht…

<3 Sabrina, die gerade froh ist, dass ihre Omi diesen Text nicht lesen wird, weil sie das Tablet noch nicht so gut beherrscht.

Geht es dir vielleicht genauso? Kannst du auch mit dem Gedanken daran schlecht umgehen? Was machst du gegen das Vergessen?

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