-> Es folgt ein Gastbeitrag von Mayya von beziehung_vor_Erziehung

 

Irgendwann trifft es fast alle Eltern – das lächelnd quickende Sonnenschein-Baby entwickelt sich wie aus dem Nichts zu einem kleinen „Rabauken“. Sie schreien, sie treten, sie werfen sich schreiend auf den Boden, schmeißen mit Gegenständen, später kommen auch verbale Angriffe hinzu -„Mama, ich mag dich nicht!!!“ – all das gehört zur kleinkindlichen Aggression.

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Seien wir mal ehrlich – kennt man die ganzen Hintergründe für dieses Verhalten nicht, gibt es kaum Situationen, die uns als Eltern mehr an unsere Grenzen bringen, als die kleinkindliche Aggression. „Oh Nein! Das Kind hat mich oder vielleicht ein anders Kind geschlagen! Gebissen! Es hat die Kristallvase der Uroma gegen die Wand gepfeffert!“ Ganz schnell wird bei den Eltern die innere Stimme laut: „Was wird nur aus unserem Kind! Da müssen wir unbedingt was tun, denn wenn wir nichts tun, wird es sich ganz bestimmt zu einem aggressiven Erwachsenen entwickeln. Und überhaupt, ICH will nicht geschlagen werden!!“ Richtig? So geht es wohl den meisten Eltern, die mit dem aggressiven Verhalten ihres Sprösslings konfrontiert werden. Aber eins nach dem Anderen: Lasst uns doch zusammen versuchen zu verstehen, was in diesen kleinen Wutköpfen vorgeht, woher die Aggression kommt und was können wir in diesen herausfordernden Momenten als Eltern tun?

Frust kennt eigentlich jeder

Gordon Neufeld – einer der führenden Entwicklungspsychologen, dessen Ansatz mir in etlichen Erziehungsfragen (und nicht nur) die Augen öffnete, zeigt auf eine sehr verständliche Art und Weise auf, was den kleinkindlichen Aggressionen zu Grunde liegt – nämlich der Frust. Die Frustration ist eine Basis Emotion, die dann aufkommt, wenn etwas nicht so läuft wie man möchte oder unerwartet neue unangenehme Umstände auftreten. Das betrifft natürlich nicht nur Kinder, sondern auch uns Erwachsene – den Frust im Alltag kennen wir doch alle, stimmt´s? Das Leben eines Kleinkindes ist überfüllt mit Frustration. Dinge, die man nicht bekommen kann, nicht tun darf, die nicht so laufen wie man unbedingt möchte – Man darf nicht den ganzen Tag Fernsehen. Man kann nicht immer bei seinen Liebsten sein. Man ist nicht immer der Erste / Größte. Man kann das Geschwisterchen nicht zurück ins Krankenhaus schicken. Man darf nicht ununterbrochen spazieren gehen. Und, und, und.

Der ganze Frust, der ja irgendwohin muss, hat drei Möglichkeiten rausgelassen zu werden:

  • das Verändern der frustrierenden Umstände (also doch den ganzen Tag fernsehen☺)
  • die Tränen
  • die unkontrollierte Attacke , die Aggression.

Die Attacke hat sehr viele Gesichter – es kann eine Attacke gegen etwas oder jemand sein (wie gesagt, völlig unkontrolliert), eine verbale Attacke (bei Erwachsenen auch gern in Form von Sarkasmus und Sticheleien), eine Attacke gegen sich selbst, Wutanfälle und so weiter.

Was tun, wenn mein Kind wütend ist: Differenzierung ist wichtig!

Also was haben wir: Ein schlagendes, sich auf den Boden werfendes Kind ist genau genommen ein frustriertes Kind und kein „aggressives“. Ich finde diese Erkenntnis ist schon sehr viel Wert und hat auch meine eigene Einstellung zu solchem Verhalten sehr stark verändert. Ich habe das Bedürfnis meine Tochter zu trösten, wenn sie mal wieder so außer sich ist und störe mich nicht so sehr am Verhalten selbst.

Wo wir schon beim nächsten Punkt wären: Das ganze Wissen ist schön und gut, aber was tue ich als Mutter oder Vater, wenn mein Kind zum Beispiel andere attackiert? Oder Gegenstände versucht zu demolieren? Müssen wir aufgrund der Erkenntnisse das aggressive Verhalten einfach so „hinnehmen“ und quasi gar nichts tun? Ich sage dazu „Nein“. Der Neufeld-Ansatz, hinter dem ich stehe, spricht davon, dass wir nicht jedes Verhalten lächelnd hinnehmen müssen, wobei wir trotzdem immer auf der Seite unseres Kindes bleiben können und unsere Beziehung unantastbar bleibt. Und ganz ehrlich der gesunde Menschenverstand sagt es auch! Natürlich sollten andere nicht von meinem Kind zum Beispiel geschlagen werden. Ich möchte ja auch nicht, dass meine Tochter zum Beispiel von einem anderen Kind angegriffen wird! Also hier dürften wirklich alle Eltern auf einer Linie sein.

familie

Okay, aber wie bleiben wir trotz alldem auf der Seite unseres Kindes und kommen ohne Strafen, Verboten und Drohungen aus?

Naja, eigentlich ziemlich einfach. In dem wir als Eltern die Verantwortung übernehmen.

  • Sehe ich, dass mein Kind auf dem Spielplatz langsam übermüdet und gereizt ist, gehe ich etwas früher nach Hause.
  • Sehe ich, dass der Angriff nicht mehr zu verhindern ist, beschütze ich selbstverständlich das andere Kind oder auch mich selbst ☺.
  • Wenn es doch zu der Attacke gekommen ist, bestrafe ich mein Kind aber nicht, schimpfe es nicht und jage ihm keine Schuldgefühle ein.
  • Ich weiß, dass das Verhalten nicht beabsichtigt ist. Ich verbalisiere die Emotionen meiner Tochter, tröste sie, beschütze sie gegebenenfalls vor der Reaktion der Außenstehenden.
  • Ich lasse sie den Frust in Tränen umwandeln (was ja eigentlich das „Ziel“ ist – das Lösen der Frustration durch das Weinen, was aber ein anderes Thema ist und hier definitiv den Rahmen sprengen würde) Ich helfe ihr diese, für sie mindestens genauso schwere Situation wie für mich, durchzustehen.

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„Ein Nein – Zwei Ja´s“ Regel

Dabei befolge ich gerne die „Ein Nein – Zwei Ja´s“ Regel. Ich sage dann so etwas wie „Ja, du bist jetzt wütend und enttäuscht, das wäre ich auch. Trotzdem wird NICHT die Porzellanvase gegen die Wand geworfen (und halte die Vase dann eventuell fest). (Ja) Lass uns gleich zusammen ein Buch lesen, du kannst es schon mal aussuchen gehen“. Das letzte „Ja“ dient dazu zu zeigen, dass obwohl ich das Verhalten in dem Moment kritisiere, ist es nur das Verhalten und nicht das Kind selbst. Dass das Verlangen nach Nähe immer noch da ist (Ja, ich bin immer noch deine Mama und für dich da, auch wenn ein bestimmtes Verhalten gerade kritisiert wird).  Im Gordon – Neufeld Universum nennt sich das „Überbrücken“.

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Tipp: Frustkultur in der Familie leben

Für mich ist die Erkenntnis sehr wichtig, dass man den Frust und dadurch resultierende Attacke nicht unterdrücken soll. Es ist gut, dass der Frust rausgeht. Man muss nur lernen so damit umzugehen, so dass die Beziehung zu unseren Kindern dadurch nicht in Frage gestellt wird. Außerdem ist für mich ein super wichtiger Punkt – die richtige „Frustkultur“ in der Familie zu leben. Wenn ich merke, dass es in meiner Tochter anfängt zu kochen, verbalisiere ich es sofort, dass der Frust im Anflug sei, (sie kennt mit ihren drei Jahren schon dieses Wort) und wir versuchen zusammen den Frust rauszulassen. Denn zur „Frustkultur“ gehört  unter anderem, dass Eltern ein akzeptables Frustventil ihren Kindern vorleben.

Denn da liegt der Schlüssel – leben wir es den Kindern vor, wie man seinen Frust raus lässt ohne jemanden oder etwas zu verletzen, lernen sie es ganz automatisch und sobald sie sich kontrollieren können (Nach Neufeld frühestens um das fünfte Lebensjahr), werden sie diese Methoden ganz selbstverständlich anwenden. Als eine Methode den Frust raus zu lassen eignet sich eigentlich jede Handlung – Hauptsache ist, dass niemand dabei zu Schaden kommt. Zum Beispiel kann man in ein Couchkissen treten, laut schreien, oder etliche Blätter vollkritzeln. Es geht da auch darum, was die bevorzugte Art und Weise des Kindes ist. Manche hauen, manche werfen mit Sachen, manche schreien. Danach kann man sich bei der Suche nach einer akzeptablen Lösung richten.

Die Kinder wachsen schnell. Erst gestern ist meine Tochter geboren und heute ist sie schon drei Jahre und paar Monate alt. Bald ist das Kleinkindalter vorbei und sie wird es lernen sich zu „kontrollieren“, sich zu beherrschen, sich anzupassen. Nie wieder wird sie so ehrlich, direkt, „echt“ sein wie jetzt, was ihre emotionale Welt angeht. Wenn man es sich so vor Augen führt, kann man  – finde ich – den einen oder anderen Wutanfall durchaus verkraften. Und wir sollten als liebende, führsorgliche und verantwortungsbewusste Erwachsene unsere Kinder durch diese Zeit begleiten. Erwachsen werden sie früh genug.

Mayya von beziehung_vor_erziehung

 

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Wie gehst du mit der Wut deines Kindes um? Fällt es dir schwer ruhig zu bleiben?

 

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  1. Kathy 11. April 2018 at 20:33

    Liebe Mayya,

    ein toller Artikel – vielen Dank dafür! Mit knapp dreieinhalb-jährigen Zwillingen und einem eineinhalbjährigen Sohn komme ich insbesondere was den Umgang mit Frustration, Aggression und Konflikten jeglicher Art angeht täglich oft an meine Grenzen.
    Schwierig für mich ist insbesondere, dass es nicht um MEIN Kind und IRGENDEIN anderes Kind mit einer eigenen Mutter geht – sondern dass in jedem einzelnen Konflikt ICH die einzige Verantwortliche bin (und mein Mann natürlich ;)) Es ist schwer, dass ich sowohl dem Täter-Kind vermitteln muss, dass ich sein Verhalten nicht gut heiße, es aber trotzdem über alles liebe ohne dem Opfer-Kind dabei eine falsche Botschaft zu senden. Eine Herausforderung, die ich aber trotzdem gerne annehme und die mir durch deinen Artikel hoffentlich leichter fallen wird. Die Tatsache, dass unsere Kinder nie wieder so emotional echt sein werden wie in diesem Alter, wird mir zukünftig sicherlich oft durch den Kopf gehen.
    Nochmals vielen Dank!

    antworten
    1. Mayya 12. April 2018 at 11:28

      Hallo liebe Kathy! Ich kann dich sehr gut verstehen. Falls du mir nicht auf instagram folgst, bist du herzlich eingeladen es tun (@beziehung_vor_erziehung) – dort schreibe ich viel über den Umgang mit Aggression, Frust, Wutanfällen, Mama Frust, und und und. Und das Motto bleibt Beziehung VOR Erziehung. LG und einen schönen Tag!

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