Als ich mit 13 das erste Mal von Montessori gehört habe, wuchs mein Interesse an dieser Pädagogik. Damals war ich selbst Schülerin einer „normalen“ Schule mit Frontalunterricht und den gebräuchlichen Lehrmethoden. Während meiner Ausbildung hatte ich die Chance mehrere Wochen in einer Montessorischule tätig zu sein und war dort vor allem davon begeistert, wie ältere Schüler konzentriert und motiviert arbeiteten. Ich habe inzwischen viele schulische Einrichtungen betreten, doch diese blieb mir als still, konzentriert und friedlich in Erinnerung.

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Vielleicht wollte es der Zufall so, dass ich vor einigen Jahren bei Youtube über ein Video stieß und dort der Kindergartenalltag eines Montessori Kinderhauses dargestellt wurde. Ich war begeistert, ich war inspiriert und ich wollte unbedingt mehr darüber erfahren – also begann ich zu lesen, zu fragen und aufzusaugen. Trotzdem war dieses „Montessori zu Hause“ bei mir noch nicht angekommen. Erst vor ungefähr 2 Jahren fiel förmlich der Groschen und ich begann, mich und meinen Alltag umzustrukturieren. In der letzten Zeit habe ich mich noch intensiver damit befasst und mich traf eine Erkenntnis fast wie ein Blitzschlag. Du wirst dich nun wundern, warum ich von mir schreibe? Aber genau das ist es, was ich dir heute erzählen möchte: Montessori zu Hause fängt nicht bei den Kindern an, sondern bei uns Eltern und unserer Einstellung. Montessori bedeutet auch nicht fördern und Spielideen raushauen, Montessori ist eine Lebensart. Natürlich kann ich in diesem Artikel nur über mich und meine Empfindungen sprechen, denn ich bin mir im klaren darüber, dass sich diese Pädagogik verschieden auslegen und interpretieren lässt.

Montessori zu Hause ist für mich eine Einstellung

Ich bin begeistert von all den Materialien, die man in den Montessorischulen zur Verfügung hat und auch von der Art und Weise, wie dort gelernt wird. Dort arbeiten mehrere Pädagogen und Erzieher Hand in Hand und haben eine ganz eigene Beziehung zu den Kindern, aber genau das ist für mich als Mutter anders. Ich habe hier weder 15 Kinder in einem Verband sitzen, noch kann ich die Rolle des Pädagogen mit Montessorimaterialien übernehmen. Meine Beziehung ist von Vornherein eine ganz andere und doch ist es meiner Meinung nach möglich Montessori zu Hause zu leben. Ich kann mein Kind aktiv in den Haushalt und alltägliche Verrichtungen einbinden und ich habe die Möglichkeit Spielsachen nach dem Interessen meines Kindes auszuwählen mit Hinblick auf Sinnhaftigkeit und schlichter Gestaltung sowie seine isolierte Eigenschaft. Vielleicht kann ich mir Montessorimaterialien auch gar nicht leisten, aber für mich kommt es darauf auch gar nicht an. Vielmehr ist es für mich eine Lebenseinstellung.

Man könnte dazu auch sagen eine Art, wie man seinem Kind gegenüber tritt und miteinander umgeht. Ich bin mir sicher, dass viele Spiele wirklich toll sind – wir selbst zeigen gerne Ideen, aber wer Montessori wirklich leben möchte, der sollte meiner Meinung nach zuerst sich selbst und seine Einstellung zum Kind in den Fokus rücken und die Materialien zweitrangig betrachten. Für mich geht es vielleicht sogar weiter, denn vielleicht muss man sogar über den Tellerrand hinausblicken und seine Einstellung zu anderen Menschen im Zusammenhang mit sich selbst komplett neu überdenken.

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Montessori zu Hause leben, bedeutet für mich seinem Kind respektvoll gegenüber zu treten, es zu beobachten, es zu begleiten und natürlich auch (sofern notwendig) mit Liebe zu leiten und damit meine ich keine Strafen oder Drohungen, sondern vielmehr das Begleiten im Alltag. Es bedeutet passiv zu sein, „Waiter“ genannt. Es bedeutet ein wenig loslassen zu können und darauf zu vertrauen, dass das Kind weiß, was es zu tun hat. Es bedeutet Freiheit, es bedeutet Respekt. Es bedeutet auch (wenn auch schwer) als Eltern nicht ständig den voreiligen Problemlöser zu spielen, sondern dem Kind die Möglichkeit geben Konflikte selbst auszutragen und Fehler machen zu dürfen. Alles in Allem ist Montessori für mich ein Prozess gewesen, ich habe mich ganz oft selbst reflektiert und meine Verhaltensweisen grundlegend überdacht. Ich habe „Fehler“ (aus heutiger Sicht) in meiner Erziehung erkannt und ich hinterfrage das Verhalten meiner Kinder nun viel viel mehr.zitat astrid lindgren montessori erziehen

Was ich verstanden habe…

einfach beobachten ohne Wertung

Früher habe ich so vieles kommentiert: „Das machst du toll / Das machst du gerade falsch!“, „Pass doch auf, da vorne ist eine Stufe.“. „Was machst du da?“. Das sind im ersten banalen Moment nur irgendwelche Sätze. Im zweiten Moment wurden es für mich aber auch oft überflüssige Sätze und im dritten Moment erkannte ich, dass ich (ja ich rede wirklich gerne) mit jedem Satz mein Kind herausreiße. Zudem habe ich unbewusst häufig gewertet, obwohl Wertung nicht notwendig war. Heute beobachte ich wesentlich mehr. Auch bei Konfliktsituationen bin ich inzwischen so weit, dass ich abwarte, beobachte. Zum Erstaunen werden Konflikte wesentlich besser geklärt und die Kinder finden ganz ohne meine Hilfe häufig eine tolle Einigung. Beobachten heißt für mich, mein Kind noch besser kennen lernen und einzuschätzen. Früher hat es mich genervt, dass der Große wenige Interessen hat. Heute habe ich erkannt, dass es darauf gar nicht ankommt. Das was er gerne macht, macht er oft und mit größtmöglicher Hingabe und wenn ich noch genauer hinschaue, erkenne ich durchaus viele Interessen, die für mich aber bisher einfach als unwesentlich abgetan wurden oder im Verborgenen lagen.

Mein Kind (versuchen zu) verstehen & Sicherheit geben

Wenn ich mir einen Satz auf die Fahne geschrieben habe, dann ist es dieser: „Jedes Verhalten hat einen Grund“. Früher habe ich an der Oberfläche gekratzt und Symptome „behandelt“. Heute überlege ich vielmehr, warum mein Kind ein bestimmtes Verhalten zeigt. Im ersten Moment scheint ein Wutausbruch häufig wie eine Schikane, vielleicht ist es in dem Moment auch wirklich auf mich wütend und ja, vielleicht will mein Kind auch damit ein Verhalten erzwingen, aber das Wichtige ist doch, warum ein Kind so reagiert. Meine Jungs äußern Wünsche oder Sorgen nicht, indem sie mir ihre Bedenken auf einem Silbertablett schriftlich servieren, sie zeigen es in ihrer Reaktion und dann heißt es für mich hinterfragen und im zweiten und dritten Schritt eine adäquate Lösung finden und einen Standpunkt dazu zu beziehen. Auch wenn es mal richtig schlecht läuft, möchte ich, dass sie sich geliebt fühlen und wissen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können. Seitdem ich bei Wutanfällen nicht direkt darauf einspringe, sondern den ruhigen, liebevollen Kontakt suche ohne das Kind zu bewerten oder ihm zu drohen, entschärfen sich die Situationen sehr häufig, ohne dass es sich erst hochschaukelt. Für mich gilt Beziehung statt Erziehung. Strafen oder Wenn-du- das-nicht-machst-dann-Drohungen (das sind genau genommen Strafen bzw. Manipulation) vermeide ich.

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Vertrauen haben…

Ich vertraue darauf, dass meine Kinder sich so entwickeln werden, wie es für sie gut ist und ich vertraue darauf, dass sie sich durch die Umgebung, in der sie aufwachsen, ihre Erfahrungen und unsere bedingungslose Liebe zu Menschen entwickeln werden, die sich später im Leben zurechtfinden werden. Ich bin mir sicher, dass sie liebenswerte Personen werden, denn das sind sie jetzt schon. Mir geht es nicht darum aus ihnen die Klassenbesten zu machen und für mich zählt auch nicht, ob sie Urkunden mit nach Hause bringen. Für mich zählt, dass sie sich ausprobieren durften. Ich möchte, dass sie motiviert sind, wenn sie etwas lernen und ich möchte, dass sie dies in dem Tempo tun können, in dem es für sie richtig ist. Ich schaue auf meine 3 Kinder und auf mich selbst und meinen Bruder: Jeder hatte Schwächen und jeder hatte seine Stärken. Keiner gleicht dem anderen und doch ist eines gleich: Solange man ein Baby ist, scharren sich ganze Völker um uns und beobachten uns beim Wachsen. Es wird auf einer vollkommen anderen Ebene kommuniziert. Keiner würde es wagen ein Baby zu drängeln, dass es doch schneller krabbeln könne oder vielleicht mit 7 Monaten schon sprechen. Logisch. Wir wissen, dass sich ein Baby irgendwann drehen wird, dass sie anfangen werden zu sprechen und wir stellen Tatsachen nicht infrage. Sobald unsere Kinder aber älter werden und ins Kleinkindalter rutschen, werden wir plötzlich unsicher und machen uns Gedanken, um deren Entwicklung. Es kommt vor, dass wir Vergleiche ziehen und erkennen, dass unser eigenes Kind bspw. im Radfahren vergleichsweise „spät dran ist“. Dann machen wir uns Sorgen und keine 2 Wochen später fährt unser Kind plötzlich Rad und alle Ängste waren unbegründet. Ich vertraue darauf, dass meine Kinder ihrem inneren Bauplan folgen und lernen wollen. Dies bestätigt mir auch der Alltag immer wieder. Sie wollen wissen, sie wollen probieren und sie wollen helfen. Meine Aufgabe besteht darin, ihnen dafür den bestmöglichen Rahmen zu schaffen. Zu oft habe ich Menschen gesehen, die als Kinder Instrumente den Eltern zu Liebe gelernt haben oder die bestimmte Studienrichtungen den Eltern zu Liebe gewählt haben. Das möchte ich für meine Kinder nicht.

Natürlich gibt es hier auch noch schlechte Tage und gerade, wenn Wutausbrüche dazu kommen, bedeutet dies für mich jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung. Ich habe aber vor allem durch meine Kinder gemerkt, dass es genau in solch schwierigen Momenten auf das „Wie“ ankommt. Ich spreche im Gegensatz zu früher wesentlich mehr in Ich-Botschaften und ich habe erkannt, dass es genau in den wütenden Momenten darauf ankommt den Kindern Ernsthaftigkeit zu vermitteln und Mitgefühl auszudrücken. Für uns mag ein kaputtes Spielzeug oder ein heruntergefallenes Butterbrot nur eine Lappalie sein, für Kinder ist es aber häufig eine bedeutende große Sache und keiner möchte, wenn er traurig oder wütend ist, dass sein Gegenüber symbolisch auch noch mit dem Hammer um die Ecke kommt. Ich möchte mich von meinen Kindern verstanden fühlen, also mache ich mir auch die Mühe sie zu verstehen (oder versuche es zumindest). Jedes Mitglied in unserer Familie darf eigene Bedürfnisse haben und diese ausdrücken und wenn sich diese kreuzen, gilt es zusammen Kompromisse zu finden, als sich über das Kind hinwegzusetzen und sich als Stärkeren zu positionieren.

montessori küche (4)

Ich möchte an dieser Stelle dieses Buch* empfehlen. Meiner Meinung nach lässt es sich vor allem bei Kindern ab 3 Jahren gut nachvollziehen und anwenden. Ich selbst hatte beim Lesen einige Aha-Momente und finde vor allem die Situationsbeispiele wirklich hilfreich. Auch für Einsteiger liest es sich schnell und flüssig und gibt wirklich anschauliche Beispiele, wie das Zusammenleben funktionieren kann. Darüber hinaus möchte ich unbedingt das Buch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ jedem ans Herz legen, der einen gewaltfeien Weg sucht zu erziehen: http://amzn.to/2tITR2Z*

Sabrina

montessori beginnt bei dir erziehung

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  1. elke 22. Februar 2018 at 22:39

    heute ist es schon zu spät, um einen langen kommentar zu schreiben.
    ich bin zufällig hier gelandet (puppensachen&co).
    ich habe eine langjährige und umfassende, internationale montessori-ausbildung genossen, beinah 20 jahre lang eine private montessori-schule geleitet und eine eigene klasse unterrichtet, verständlich, dass ich sofort wissen wollte, was da unter „montessori“ kommt.
    das gelesene hat mich sehr berührt. genau richtig. so erfreulich -> verstanden – besser „begriffen“ – vielleicht noch besser – mit dem herzen erkannt
    manche „meiner“ schuleltern haben das nach 8 jahren montessorihaus nicht mitbekommen!
    so ein wunderbares betthupferl für mich!
    danke

    antworten
  2. Pingback: Eine eigene Werkbank & Erziehungsfragen – PoMa design

  3. Regina 24. August 2017 at 19:52

    Hallo,Dein Artikel spricht mir aus der Seele. Ich bin selbst dreifache Mama. Seit einiger Zeit arbeite ich richtig hart an mir,dass es bei uns ruhiger und entspannter wird und es lohnt sich. Jeden Tag genieße ich die Zeit mit meinen Kindern und beobachte und finde es toll,wie sie sich entwickeln,wenn ich sie einfach tun lasse!
    Danke! Liebe Grüße Regina

    antworten
  4. Leslie Klaus 1. August 2017 at 22:40

    Ein toller Beitrag. Ich habe beim lesen schon gedacht wir hätten wohl das gleiche Buch gelesen, was sich gegen Ende dann auch bestätigt hat. Ich habe auch schon einiges umsetzen können. Allerdings scheitere ich an ein paar Dingen immer noch.

    antworten
    1. Mona 13. August 2017 at 12:12

      Danke für diesen Beitrag und dass Du uns an einem Teil Deines Familienlebens, Deiner Einstellung und Deiner Veränderung teilhaben lässt. Ich habe mir beide Bücher aus der Bibliothek geholt und habe meine Inspirationsquellen erweitern können.
      Ich selbst das neue entspannt erziehen und Kinder im Tyrannenmodus von Gerhard Spitzer gelesen, die meiner Meinung nach auch sehr empfehlenswert sind. Der Ansatz ist sehr ähnlich und die Bücher sind sehr humorvoll geschrieben.

      Auch Deinen Beitrag zum Thema Fernsehen fand ich prima. Als Ansatz. Man muss ja nicht alles kopieren 😉
      Ich finde es spannend, welche Lösungen andere Eltern für sich finden und suche mir das zusammen, was am besten zu uns passt.

      Lieben Gruß
      Mona

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