Fast jede Mutter und jeder Vater wird früher oder später sein Kind einmal wütend erleben. Diese unangenehmen Gefühle gehören genauso zu uns, wie Freude und Frohmut. Trotzdem scheint uns Eltern gerade der Umgang mit der kindlichen Wut schwierig. Wir fühlen uns damit überfordert, verunsichert und manchmal überrannt. Vielleicht liegt es daran, dass wir selbst als Kind diese Gefühle nicht ausleben konnten, vielleicht aber auch, weil wir in solchen Momenten kein „richtig“ und „falsch“ erkennen.

Ich möchte das Thema Wut daher heute gemeinsam mit Jens Neumann von der Mutfabrik* aufgreifen und ein wenig auf Lösungswege eingehen. Als ich früher meine Erziehung noch nicht hinterfragte, duldete ich Wut bei meinen Kindern nur sehr bedingt. Ich versuchte sie zu kontrollieren und zu unterdrücken, weil es sich „so nicht gehörte“. Heute bin ich wesentlich entspannter- Wenn ich eines für mich erkannte, dann ist es die Tatsache, dass Wut eine Gefühlsregung ist, die ich mir selbst auch zu stehe und jeder Mensch in sich trägt. Den Umgang damit kann man in meinen Augen nur lernen, indem diese Gefühle vorhanden sein dürfen und nicht von außen gesteuert werden.

Kinder und Wut Wir wir ihnen die Hand geben können und was wirklich dahinter steckt

Ist Wut schlimm? Darf man nicht (öffentlich) wütend sein?

Manchmal wird der kleinste Anlass zur explodierenden Bombe. Ein kleines „Ich habe NEIN gesagt.“ oder die Tatsache, dass dem Kind etwas nicht gelingt, kann es ins Wanken bringen und schließlich wütend machen. Bei meinem 3 Kindern beobachte ich immer wieder, wie unterschiedlich sie ihre Wut äußert. Der Große – so scheint es mir – muss seine Wut körperlich kompensieren, indem er die überschüssige Energie los wird, während der Mittlere mit Worten um sich wirft. Die Kleine macht den allseits bekannten Wurf zum Boden, aus der Tatsache heraus, dass sie sich mit ihren 14 Monaten noch gar nicht anders auszudrücken weiß. Ich merke dabei gerade in der Öffentlichkeit, dass mir diese Situation manchmal unangenehm, wenn nicht gar peinlich ist. Ich glaube fast, dass dieses „peinlich berührt sein“ aus meiner eigenen Kindheit stammt, wenngleich meine Eltern nicht streng waren. Es gehörte sich damals für uns einfach nicht in der Öffentlichkeit vor Wut zu toben oder herumzuschreien. Die Frage ist doch aber, ist es wirklich so schlimm oder spielt sich da in unserem Kopf etwas ab, dass gelinde gesagt falsch in uns programmiert wurde? Darf man in der Öffentlichkeit wütend sein oder sollten Kinder lernen, dass sie diese in bestimmten Situationen zu unterdrücken haben?

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Jens: Die Antwort auf diese Fragen ist aus Sicht der GFK (Gewaltfreie Kommunikation) ganz „einfach“ –  was nicht heißt, dass sie es uns Eltern einfach macht. Ja, ein Wutanfall in der Öffentlichkeit, der ja nicht aus heiteren Himmel kommt, sondern nur die lautere Form von „Hey Mama, Papa …, ich will gehört, gesehen, … werden!“ ist, fordert uns als Eltern heraus, kann uns peinlich sein, in uns selbst einen Riesenärger auslösen und endet oft im Kämpfen zwischen Eltern und Kindern. Und dennoch: Kinder (und auch ihre Eltern) dürfen in der Öffentlichkeit und auch sonst überall wütend sein und Kinder sollten niemals lernen müssen, ihre Emotionen zu unterdrücken. Kinder brauchen ihre Wut ebenso wie ihre Freude, sie brauchen es, lustig und traurig, neugierig und ängstlich, begeistert und gelangweilt, müde und energiegeladen… sein zu dürfen. All ihre Gefühle, die angenehmen wie auch die unangenehmen sind ein ganz natürlicher Ausdruck ihrer Lebendigkeit, der ihnen nicht genommen werden sollte, denn dies würde bedeuten, einen wichtigen authentischen Ausdruck nicht leben zu dürfen. Das Kind lernt dabei sinngemäß „Wenn ich wütend bin, bin ich nicht ok, nicht gewollt, nicht geliebt.“ Wenn wir uns und unseren Kindern verwehren, ganz zu sein, entstehen durch Abwertungen Glaubensätze die Scham (Angst falsch zu sein und so nicht liebenswert zu sein) erzeugen und darin sehe ich die größte Gefahr. Es sei auch daran erinnert, dass unsere Kinder Spiegel von uns sind, sie leben gerade diejenigen Energien aus, die ihre Begleiter*innen nicht ausleben (Jesper Juul).

Für mich Sorge tragen

Die oft noch ganz puren und unverstellten Gefühle unserer Kinder, also auch ihre kraftvolle Wut,  sind ebenso eine schöne Erinnerung an unsere eigenen gelebten und ungelebten Emotionen und Erinnerer an Bedürfnisse, die in uns frustriert sind. Nicht das Kind ist zu laut oder anstrengend in seiner natürlichen Energie, sondern ich als Begleiter werde nachdrücklich erinnert, besser für mich meine Ruhe, Entspannung und Gelassenheit zu sorgen. Das ist meine Aufgabe und nur mit mehr Energie für mich kann ich es „leisten“, meine Kinder gewaltfrei zu begleiten. Nehme ich meine Bedürfnisse nicht ernst und kümmere mich nicht ZUERST um mich, dann bin ich nicht mit mir gewaltfrei, nehme mich nicht ernst und meine Anspannungen werde ich in meine Kinder hineinprojizieren. Sprich, sie spiegeln mich in ihrem Ausdruck. Umgekehrt kann ich sie mit meinem Für-Mich-Sorgen einladen, auch für sich selbstverantwortlich zu sorgen, mit meinem Ausdruck für Wut lebe ich Strategien für Wut vor und erlaube es ihnen, diese Strategien auszuprobieren. Also mag ich meine Strategien? Habe ich Räume für alle meine natürlichen Gefühle von Wut bis Trauer?

 Ja, ich meine tatsächlich, dass es sich lohnt, das Schöne an der Wut zu entdecken, als Einladung, bewusster für sich zu sorgen und die Gelegenheiten zu nutzen, um wahrzunehmen wie es beiden Seiten gerade geht.

Wut, Ärger, Aggressionen werden von uns ja eher mit negativen Assoziationen und Verhaltensweisen verbunden. Die meisten lernten irgendwann, dass es nicht in Ordnung ist, ärgerlich oder wütend zu sein. Und auch die eher stilleren Varianten dieser kraftvollen Gefühle, wie zum Beispiel Trauer, Verzweiflung, Angst erfahren in unserer Gesellschaft wenig Zustimmung. Sie sind unangenehm und sollen möglichst schnell verschwinden. Doch wenn wir unseren Kindern bestimmte Gefühlsregungen nicht „erlauben“, indem wir ihnen signalisieren: so wütend kannst du jetzt nicht bei uns bleiben(„Jetzt beruhige dich erst einmal in deinem Zimmer.“), so traurig weiß ich gar nicht mit dir umzugehen („Ach, das ist doch nicht so schlimm. Spiel doch einfach allein weiter, wenn … nicht will.“), so gelangweilt mag ich dich  nicht („Schau mal, du kannst doch malen oder in den Garten gehen. Du musst doch hier nicht rumsitzen und dich langweilen.“)…, nehmen wir ihnen zugleich die Möglichkeit, ihre eigenen Gefühle kennenzulernen und ihnen zu vertrauen. Also als Spiegel davon möchte ich mich fragen, ob ich meinen eigenen Gefühlen vertraue, mir Wut, Aggression oder Trauer erlaube – als Voraussetzung, es auch anderen natürlich zu erlauben. Anders ausgedrückt hat mein unentspannter Umgang mit Wut, AUßSCHLIEßLICH etwas mit der unausgesprochenen Wut in mir zu tun und meine Kinder würden maßgeblich davon profitieren, dass ich sie in ihren Anspannungen gelassen begleiten kann, wenn ich gelassen und versöhnlich mit meinen Anspannungen umgehen lerne.

Wut und die Bedürfnisse dahinter…

Die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) sieht alle Gefühle als direkte Wegweiser zu unseren Bedürfnissen (Liebe, Verbundenheit, Energie, Autonomie, Nähe…), die wir uns in jeder Minute unseres Lebens zu erfüllen versuchen. Ein angenehmes Gefühl spüre ich, wenn mein Bedürfnis erfüllt ist (Ruhe – ich schlafe – bin entspannt, ausgeruht), wohingegen mich unangenehme Gefühle, wie zum Beispiel die Wut an mindestens ein unerfülltes Bedürfnis erinnern. In der Wut des kleinen Bruders, der auf dem Spielplatz gerade das Bauwerk des Älteren zerstört hat, zeigt sich möglicherweise sein Bedürfnis nach Spiel, Verbindung, Lernen („Das was der Bruder aus Sand und Steinen baut, sieht so spannend aus. Ich möchte dabei sein, möchte es genauso machen wie er.“) Das Geschrei, nachdem die Eltern ihn wegtrugen, ist Ausdruck seines Bedürfnisses nach Verständnis und Autonomie („Warum darf ich nicht mitmachen? Ich mag allein laufen und nicht einfach weggehoben werden.“). Wir können uns in solchen Momenten einladen, diese Bedürfnisse hinter der Wut unseres Kindes zu entdecken. Natürlich, mit einem fröhlich spielenden Kind, dass sich ohne Widerstand vom Bauwerk seines Bruders entfernen lässt, wäre es an diesem Nachmittag auf dem Spielplatz viel entspannter gewesen (mein Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung). Und ja, die häufigen Wutanfälle des Jüngeren bringen mich an meine Grenzen. In solchen Momenten bzw. eher, nachdem sie überstanden sind, hilft mir meistens die Frage: Möchte ich ein angepasstes, funktionierendes Kind, das seine Gefühle „unter Kontrolle“ hat? In meinem Herzen weiß ich: Wenn meine Kinder lernen, nur noch über den Kopf (Verstand) zu gehen, besteht die Gefahr, dass sie einen Teil ihrer Lebendigkeit verlieren. Anstatt ihren eigenen Gefühlen zu vertrauen bzw. erst einmal mit ihnen vertraut zu werden (z.B. die Wut zu empfinden, das tobende Gefühl im Bauch, die Leere im Kopf, die Hilflosigkeit im Herzen…) , orientieren sie sich dann eher an den Erwartungen, Bewertungen und Urteilen im Außen. Sie verinnerlichen zum Beispiel „Ich bin nicht in Ordnung, wenn ich meine Mama vor anderen Leuten anschreie, ärgerlich oder wütend bin“, weil sie wiederholt erlebten, dass ihre Wut in der Öffentlichkeit ignoriert und bestraft bzw. sie für ihr Verhalten beschämt wurden („Warum machst du wegen so einer Kleinigkeit nur so ein Riesentheater?“). Oder sie erleben – für jedes Kind die wohl schmerzhafteste Erfahrung -, dass ihre Wut zum Abbruch der Verbindung führt, was ihnen wiederum vermittelt: „Ich darf nicht wütend sein, um von … geliebt zu werden.“

Als Begleiter*in möchte ich in Verbindung bleiben, mein Kind in seiner Wut ernstnehmen, hören und sehen. Wer nicht gehört wird (und das wieder und wieder), zeigt sich immer lauter und lauter oder zieht sich in sich selbst zurück. Als aggressiv, hyperaktiv, depressiv… bezeichnete Kinder, sind für mich Kinder, deren Verhalten ein tragischer Ausdruck ihrer unerfüllten Bedürfnisse ist und ein Hilferuf an uns Erwachsene: „Sieh´ und hör mich in meiner Not. Ich brauche etwas…“

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In unseren Onlinekursen laden wir auch immer wieder dazu ein, die Wut unserer Kinder und unsere eigene als eine schöne anstatt störende Herausforderung zu sehen. Die Wut ermöglicht einem Kind, sich authentisch in seiner momentanen Anspannung zu zeigen. Sie ist lebensbejahend und macht damit absolut Sinn. Kinder fühlen zu lassen “Auch wenn du wütend bist, bleibst du IMMER liebenswert und schön“, ist ein wertvolles Geschenk an sie. M.B. Rosenberg (Begründer der GFK) schrieb einmal: „See me beautiful, each and every day could you take a chance, could you find a way to see me shining through, in everything I do and see me beautiful.” Im Text heißt es dann weiter: “Sieh das Schöne in mir, das ist, was ich wirklich bin und alles was ich versuche zu sein.” Und ich mag uns ermutigen, mit unseren Kindern eine Kultur der Gefühle zu gestalten, in der es ganz natürlich ist, sich mit seinen Anspannungen zu zeigen – nicht erst, wenn diese unerträglich werden, sondern, sobald sie entstehen, in dem Bewusstsein, dass sich dahinter wenigstens ein unerfülltes Bedürfnis verbirgt, das erfüllt werden möchte. Ein „Nein, ich will das nicht“, kann ich dann als „Ja“ des Kindes zu sich selbst, zu seinem Bedürfnis hören. Das ist gerade in den sogenannten Trotzphasen schön und anstrengend zugleich und ich weiß, wovon ich spreche. Vielleicht holen wir es mit unseren Kindern nach, selbst „trotzig“, nämlich in unseren Anspannungen sichtbar zu werden, die wir früher und jetzt uns noch nicht erlaubt haben zu leben. Wir alle wünschen uns selbstbewusste Kinder, wofür sie Lern- und Erfahrungsräume brauchen, in denen sie sich authentisch und lebendig ausdrücken dürfen. Ohne das Fühlen bin ich mir eben nicht meiner selbst bewusst.

Ich bin auch im Vertrauen, dass wir durch jedes Erstnehmen von Anspannung miteinander ein Vertrauen schaffen, dass die Eskalation nicht mehr braucht. Jede Anspannung, die wir in uns und unseren Kindern ernst nehmen, wird NIE eskalieren. Keine Angst wird zur Panik, kein Ärger zur Wut…

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Was wir Eltern tun können. 

Verhindern, dass Wut in uns oder unseren Kindern irgendwann einmal hochkommt, ist unmöglich. Wir können aber lernen damit umzugehen, sie zu beherrschen, sie zu kompensieren und als Erwachsene unseren Kindern dabei zur Seite zu stehen. Ich sage mir oft, dass ich nicht von einem 4-Jährigen verlangen kann, dass er erwachsen mit Wut umgeht und daher verzichte ich auch auf solche Sätze wie „Jetzt reiß dich aber mal zusammen.“ Zudem sehe ich mich und die Tatsache, dass ich mir auch diese Gefühle zu stehe. Ich bin hin und wieder wütend und bin mir sicher, dass man mir es in solchen Momenten anmerkt, dass ich gerade reserviert reagiere.

Da wir also selbst wissen, wie sich Wut anfühlt und was sie mit uns macht und vielleicht sogar durch Beobachtung unserer Kinder Auslöser erkennen, haben wir die Möglichkeit zu unterstützen. Was aber können wir Eltern genau tun?

Jens: Es ist das eine, im Herzen die Zustimmung zu spüren, zu allem, wirklich allem, was mein Kind ist und dann doch in angespannten Situationen, die Verbindung zu dieser Herzensweisheit und unserem Kind zu verlieren. Dann ist es in der GFK erst einmal Zeit für Empathie. Wenn ich selbst gerade gut versorgt (entspannt, satt, ausgeruht, fröhlich) bin, fällt es mir natürlich leichter, meinem Kind empathisch zuzuhören und es ernst zu nehmen. Indem ich seine Wut spiegle: „Du schreist wirklich laut. Scheinbar bist du gerade richtig, richtig wütend?“, kann ich in Verbindung kommen und mein Kind dabei unterstützen, seine Anspannung zu „übersetzen“. Ist die Erregung so groß, dass ein Ansprechen erst einmal unmöglich scheint, unterstützt ein langes Gehaltenwerden, das signalisiert: Ich bin hier, ich spüre, dass du Nähe, Verbindung, Sicherheit… brauchst. Durch Nachfragen kann ich später das Bedürfnis hinter der Wut erforschen: „Möchtest du, dass ich dir zuhöre, mitkomme …?“ (Bedürfnis nach Verständnis, Unterstützung…) „Brauchst du jemanden zum spielen, möchtest du noch ein bisschen kuscheln, hast du dich gerade geärgert…?“ (Bedürfnis nach Spiel, Nähe, Ruhe, Verständnis…) Durch das Empathiegeben fühlt sich ein Kind mit seinen Gefühlen ernst- und angenommen: „Ich bin in Ordnung mit meiner Wut. Es tut gut, dass Mama/ Papa mich hält und mir zuhört.“

Nicht selten braucht es aber in solch angespannten Situationen noch eines Zwischenschritts, da auch wir Eltern in emotionale Aufruhr geraten können, wenn wir nicht gut für unsere Bedürfnisse sorgen. Blieb beispielsweise unser Bedürfnis nach ausreichend Ruhe vergangene Nacht unerfüllt, gab es Frühstück nur im Vorbeigehen (Bedürfnis nach Energie) und stehen wir nun hier im Kindergarten, warten auf unser Kind, dass sich wütend wehrt, von uns Hilfe beim Ausziehen zu bekommen, ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir entspannt und empathisch reagieren, eher gering, na klar. Wenn wir nicht bald losfahren, werden wir mit Sicherheit wieder einmal zu spät auf Arbeit sein. Ärger steigt in uns auf, Hitze breitet sich aus, die Gedanken sind voller Frust, Schuldzuweisungen und Scham: „Ich ärgere mich so über dieses Theater. Jeden Morgen aufs Neue. Man bin ich geladen. Ich könnte ausflippen.“ Zu meinem inneren Kritiker, der eben nörgelnd feststellte, dass ich in meiner Rolle als Mama oder Papa, ja mal wieder am Versagen bin, wenn ich mein wütend strampelndes Kind nicht beruhigt kriege, gesellen sich vermeintliche Kritiker im Außen, wie der Chef, Kollegen, Erzieher*innen, andere Eltern: „Wenn ich schon an die Gesichter im Büro denke… Und wahrscheinlich denkt Frau…  auch gerade, dass ich es als Mama/ Papa einfach nicht auf die Reihe bekomme. Bei den anderen Eltern läuft es doch auch ganz reibungslos. Wenn mein Kind nicht so störrisch und eigenwillig wäre. Dann wäre es bestimmt leichter.“ Allerhöchste Zeit für Selbstempathie! Bevor wir uns dazu entschließen, unseren Monolog im Außen fortzusetzen, indem wir Schuldige für unseren morgendlichen Ärger suchen („Jeden Morgen veranstaltest du das selbe Theater. Ich möchte mich nur einmal in Ruhe von dir verabschieden und pünktlich auf Arbeit ankommen.“), geben wir uns lieber selbst Empathie: „Puh, es ist ganz schön schwierig mit unserem Morgenritual. Ich brauche mehr Zeit, um mit mir und dem Kind ruhig zu bleiben. Jetzt muss ich erst einmal tief durchatmen…Das ist der pure Stress, diese Sorge, keinen entspannten Abschied hinzubekommen und vom Chef für verantwortungslos gehalten zu werden, wenn man fast täglich zu spät auf Arbeit gehetzt kommt.“

Empathie oder Selbstempathie geben meint nicht, den eigenen Ärger hinunterzuschlucken. Es bedeutet, dass ich mein Kind und mich in einer angespannten Situation wahrnehme und bewusst versuche, uns nicht in Schuldzuweisungen und Miteinanderkämpfen zu verlieren. Und ja, ich darf auch schreien, wenn mir danach ist. Der Unterschied zum Anschreien ist dabei, dass ich in meinem Kind nicht Schuld und Scham erzeuge, indem ich sage „Weil du… gemacht hast, bin ich richtig ärgerlich…“. Das Verhalten meines Kindes ist Auslöser meiner Anspannung NIEMALS jedoch die Ursache. Es ist mein Ärger, für den ich allein verantwortlich bin, es sind meine unerfüllten Bedürfnisse dahinter, an die mich mein Kind eindrucksvoll erinnert.

Erschwert wird uns Eltern der natürliche Umgang mit der Wut unserer Kinder durch eigene Erfahrungen. Vielleicht erinnert ihr euch auch an Reaktionen eurer Eltern, Großeltern oder anderen Begleiter*innen wie zum Beispiel „Nun beruhige dich mal wieder.“ „Was bist du den immer gleich so wütend?“ „Darüber brauchst du dich doch nicht so aufzuregen.“ Solche Aussagen verhinderten meist erfolgreich die Integration unangenehmer Gefühle, indem sie uns als Kinder vermittelten: „So wütend, aggressiv, traurig mag ich dich nicht/ bist du nicht in Ordnung/ nicht liebenswert.“ Da wir als Kind die Liebe unserer Begleiter*innen und die Verbindung zu ihnen lebensnotwendig brauchten, lernten wir, uns möglichst nicht mit den unerwünschten, für die Erwachsenen unangenehmen Gefühlen zu zeigen. Unsere Kinder erinnern uns nun mit ihrer Wut an diese Glaubenssätze („In der Öffentlichkeit darf man nicht wütend sein.“, „Es gehört sich nicht herumzuschreien und zu toben.“), was wir manchmal nur schwer aushalten können. Es sind dann unsere unbewussten Themen und Anspannungen, die uns einen natürlichen Umgang mit der Wut schwer machen. Und eben das ist auch wieder das Schöne an der Wut – unsere Kinder erinnern uns an uns selbst, sie ermöglichen uns, Wut, Ärger, Trauer, Angst… noch einmal neu kennenzulernen, ohne negative Vorzeichen, eben als Gefühle, die uns im Leben begegnen, die sein dürfen, die uns Wegweiser zu unseren Bedürfnissen sind.

 

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Müssen wir uns alles gefallen lassen? Hat Wut Grenzen?

Diese Frage stellte ich mir lange Zeit. Wie viel Wut ist okay? Was ist vertretbar und wo setzt man die Grenze. Ich habe sie dort gefunden, wo andere Menschen, Tiere oder Gegenstände zu Schaden kommen. Aber auch hier ist Interpretation gegeben. Was ist ein wirklicher Schaden? Fängt es damit an, dass Worte verletzen oder wenn es körperlich wird? Was muss man sich gefallen lassen und wie zieht man die Grenze am besten, wenn der Bogen überspannt wurde?

„Ich will aber die roten Schuhe anziehen.“ (Bedürfnis nach Autonomie, Schönheit…)“ – Nein, das geht nicht, für Sandalen ist es heute viel zu kalt.“ Eine Situation, die ganz harmlos beginnt, kann innerhalb von Minuten völlig eskalieren. Das Kind, das in seinen Bedürfnissen nicht gehört wird, zeigt sich lauter, wird wütend, schmeißt Schuhe durch die Gegend, schreit die Eltern an, geht schließlich auf sie los… Wenn sich Wut so kraftvoll und wuchtig zeigt, dass Dinge und Menschen in Gefahr geraten, möchten wir unsere Kinder, uns selbst, andere Menschen, unser oder deren Eigentum beschützen. In solch einen Moment kann ich beispielsweise meine körperliche Kraft (Macht) nutzen, um mein Kind festzuhalten. Ich bin klar und bewusst darin, dass ich jemanden oder etwas beschützen möchte –  das nennt die GFK (Gewaltfreie Kommunikation) Beschützende Anwendung von Macht. Anders, als bei der Bestrafenden Anwendung von Macht, die dem Kind nur Schuld für das ganz Chaos geben würde, es als ungezogen verurteilt und ihm vermittelt, du bist nicht in Ordnung, dient meine Intervention einzig dem Schutz. Eine Grundannahme der GFK half mir sehr, mein vor Wut haltloses Kind nicht mehr als aggressiv zu bewerten: Es gibt immer, wirklich immer Gute Gründe für das Verhalten meines Kindes. Es geht nie gegen, sondern immer für etwas (sein unerfülltes Bedürfnis). Oft verbirgt sich hinter ausagierter Aggression auch eine große Unsicherheit. Ich möchte mein Kind in seiner Unsicherheit und Not – und Aggression ist ein absoluter Notfallplan und Hilferuf – wahrnehmen, auch wenn es in mir unangenehme Gefühle auslöst. Die Chance, von meinem Kind gehört zu werden, beispielsweise mit meinem Bedürfnis nach Wertschätzung, Achtsamkeit, körperlicher Unversehrtheit, ist sehr viel größer, wenn ich auf Kritik und Urteile verzichte. „Du bist wohl verrückt. Schau, was du alles kaputt gemacht hast. Du darfst deine Eltern nicht schlagen“, erzeugen beim Kind nur Schuld und Scham, was uns zurück ins Kämpfen führt („Ihr seid doch selbst schuld, wenn ich meine Schuhe nicht anziehen darf.“) oder ein Kind verstummen lässt, indem es sich beschämt in sich selbst zurückzieht („Ich bin wirklich böse. Immer mache ich alles falsch. …“) In beiden Fällen bleibt ein Kind in seiner Not allein, obwohl es so dringend die liebevolle Verbindung zu seinen Begleiter*innen braucht.

Auch das Bewusstsein, dass Menschen in Notsituationen immer auf die für sie effektivsten Strategien zurückgreifen und dass sie immer das Beste tun, was sie gelernt haben zu tun, erleichtert es mir, mich nicht persönlich von meinem Kind angegriffen zu fühlen. Mit Sicherheit können seine beleidigenden Worte großen Ärger und Wut in mir auslösen, zugleich mag ich mich daran erinnern, dass mein Kind nicht die Ursache dafür ist. Ich möchte selbst die Verantwortung für meinen Ärger übernehmen, mich in meiner Anspannung zeigen und damit auch mein Kind einladen, all seine Gefühle zu leben. Was immer mein Kind sagt, schreit, beleidigend meint oder kritisiert, es ist ein Selbstausdruck, es erzählt etwas über sich NIE über mich, auch wenn das bei Kritik oder Beleidigungen schwerer zu hören ist.

 

Hier noch ein Geheimtipp:

Bitte unbedingt weiterempfehlen: Seifenblasen sind ein wahres Zaubermittel, ja im Ernst. Wenn es zuhause mal wieder lauter wird und Wut im Raum steht. Es hilft dem Papa und der Mama lange auszuatmen, sich ruhig hinzusetzen statt mitzueskalieren und es lädt das Kind zum spielerischen Ausagieren ein. Ganz sicher kein Allheilmittel, aber ein Wundermittel, um dann nach ein paar Minuten in Verbindung gehen zu können und gelassener auf die Situation anzusprechen. Wie geht es dir gerade?

Danke für euer Interesse an einem so herausfordernden Thema und danke für die Einladung ein paar Inspirationen dazu mit euch teilen zu dürfen.

Herzlichst Jens

www.mut-fabrik.de

[box type=“warning“] Weitere Anregungen und Ermutigungen u.a. zu den Themen starke Gefühle, Regel und Grenzen, Lob und Kritik, Vertrauen in Kinder, … teilt Jens in seinem Onlinekursen zur Gewaltfreien Kommunikation „Reisebegleitung statt Erziehung“ und „Familien(wahn)sinn“. Die wöchentlich versendeten E-Mails beinhalten darüber hinaus praktische Beispiele, Antworten auf Leser*innenfragen und Einladungen zum Ausprobieren der GFK im Familienalltag. Mit ihren Wochenmails möchten wir zu einem entspannten und bewussten Umgang mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen einladen und zu liebevoller und wertschätzender Verbindung in Familien beitragen. Unsere Kurse starten am 02.05.2017. Anmelden könnt ihr euch jetzt unter www.mut-fabrik.email*[/box]

 

 Kinder und Wut_ Wir wir ihnen die Hand geben können und was wirklich dahinter steckt (1)


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Ich will aber nicht! Wenn wir im Erziehungsalltag an unsere Grenzen kommen

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