Jesper Juul sagt ,dass man seinem Kind sagen soll, was man will. Die Supernanny sagt, dass man das Kind ab in die stille Ecke schicken darf. Dr. Herbert Renz-Polster sagt, dass man sein Kind nicht verändern oder erziehen soll, sondern begleiten. Ich sage: Alle haben Recht und doch hat keiner den „Allesschließer für das Geheimnis der Erziehung“. Ich kann euch auch sagen warum ich das denke. Dafür muss ich kein Experte sein, sondern eine Mutter: Kinder sind verschieden und wir Eltern sind verschieden. Was bei dem einen zündet, kann beim nächsten Kind schon wieder ein Schuss in den Ofen sein, ja es kann sogar bei meinem Kind ein Schuss in den Ofen sein…

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Heute möchte ich euch sagen, warum ich überhaupt darüber schreibe, und ich möchte eine Erkenntnis weitergeben. Ich möchte aber da anfangen, wo es wirklich anfing 😉

Seit Beginn des Jahres stellten wir fest, dass sich der Große veränderte. Er wurde lebhafter (das muss nichts schlechtes sein), er fragte mehr und er wollte auch mehr entscheiden. Zudem stellten wir fest, dass er sensibler wurde. Kritik oder Konsequenz fand er nicht so gut und drückte dies lautstark aus, teilweise mit Drehung und anschließendem kunstvollen Aufprall auf dem Boden. Freude drückte er ebenso deutlicher aus springen, jubel, klatschen. Mit seinen 4,5 Jahren wusste er (zumindest aus seiner Sicht) ganz genau, was er wollte und nicht wollte. Tablet schauen wollte er am liebsten täglich mehrere Stunden (gäbe es da Mama und Papa nicht, die den TV aus dem Fenster geschmissen haben und das Tablet nur für festgelegte Zeit rausrücken), ins Bett gehen (natürlich in das elterliche Bett und nicht in sein eigenes) wollte er so spät wie möglich, gesundes Essen fand er hingegen total öde und genügend trinken ebenso blöd. Sitzenbleiben am Tisch? No Way! Aufräumen mit Mama? Was für Babys. Den Kindergarten wollte er am liebsten gar nicht besuchen, lieber zu Hause bleiben. Wenn man ihn dann aber nachmittags abholte, war man auf jeden Fall zu zeitig da und es gab Geschrei…manchmal fragten wir uns wirklich, ob wir es mit einem kleinen pubertären Vorboten zutun hatten. Laut einschlägiger Literatur sollte die „Trotzkopfphase“ ja hinter uns sein. Als eines Tages dann auch der Kindergarten vermeldete, dass P. wohl „wild“ wäre und an manchen Tagen ultra mies drauf, läuteten bei mir die Alarmglocken.

Was tut eine Mutter in dieser Situation?

Genau! Sie analysiert und denkt sich: „Machen wir nur etwas falsch? Stimmt mit dem Kind was nicht? Bekommen wir es in den Griff? Und was ist, wenn nicht? Wird er dann eine Diagnose bekommen und den Stempel „schwer erziehbar“? Nachdem diese Fragen ins Leere gestellt wurden, geht man zu Schritt 2 über: Belesen und erkundigen.

Man versucht möglichst viele „Kontaktpersonen“ zum Kind über das Verhalten des Kindes auszufragen. Benimmt er sich dort auch so? Schreit er da auch bei Konsequenz? Sitzt er da ruhig am Tisch? Man beobachtet andere Eltern und denkt sich: „Klappt das bei denen einfach so oder können sie „erziehen“?. Dann fängt man an zu lesen. Man informiert sich über Erziehungstipps und spätestens an diesem Punkt ist die Verwirrung und Ratlosigkeit auf dem Höhepunkt. Zeitgleich reagiert man sensibler auf sein Kind – dank der Analyse.

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Kleidung gestellt von Maxomorra

Heute so, gestern so, morgen so oder eben anders

Ich habe mich in letzter Zeit wirklich viel informiert und meine Erkenntnis war hinterher erst einmal diese, dass jeder eine andere Meinung hat, jedoch keiner das „Richtig“ oder „Falsch“ sagen kann. Jeder erzieht anders und auch jeder Erziehungsexperte rät etwas anderes. Vom „Gleichdenken“ her bin ich wohl am meisten bei Jesper Juul, doch weiß ich, dass auch er nicht den heiligen Erziehungscode in der Hand hält.  Man liest inzwischen in Sachen Erziehung so viel unterschiedliches, ja sogar Gegensätzliches, dass man gar nicht weiß, was nun richtig oder falsch ist, weil es einfach kein Richtig und Falsch mehr gibt. Man weiß auch nicht, was funktioniert und nicht funktioniert und ganz ehrlich: für uns war es nicht die Lösung sich einen Ratgeber nach dem anderen zu nehmen und dann mal zu versuchen. Die armen Kinder denken sich dann wahrscheinlich, dass wir Schauspieler sind und sie die Versuchskaninchen. Ich wusste vor ein paar Wochen nur noch eines: es muss sich etwas ändern, denn ich hörte mich wie P.s Tonbandansage an und war am Boden zerstört, dass ich nicht mehr Herr der Lage war. P. war wiederum wegen irgendetwas aufgebracht und äußerte dies in seinem Verhalten…

Meine wirkliche Erkenntnis der Erziehung….

Wenn mir eines bewusst wurde, dann wohl mal wieder die Tatsache, dass man Erziehungsratgeber zwar zum Inspirieren lesen kann, aber diese sich nicht auf das Kind münzen lassen. Viel wichtiger ist es, dass wir anfangen die Sprache unserer Kinder zu sprechen. Mir ist bei einer realistischen Selbstbetrachtung aufgefallen, wie oft ich den Kindern eigentlich gar nicht richtig zuhöre oder nur mit halben Ohr. Mir ist auch aufgefallen, dass ich gar nichts hinterfrage. Wir sagen, dass P. und T. am Tisch still zu sitzen haben, aber wir fragen gar nicht, wieso sie überhaupt aufstehen wollen. Genauso wenig sagen wir, warum uns das wichtig ist. Diese ganze Fehlkommunikation hat dazu geführt, dass wir zwei verschiedene Sprachen gesprochen haben. P. verstand nicht, warum ich gerade jetzt will, dass er sitzen bleibt und ich verstand nicht, warum er gerade jetzt wichtigerweise aufstehen möchte und mit 4,5 Jahren kann man schon eine Menge „wichtiger Gründe haben“.

Genau das Gleiche war es mit dem Schlafen in unserem Bett. Ihr erinnert euch bestimmt an meinen Beitrag? Ich habe damals geschrieben, warum es mir egal ist, wenn er noch mit 14 bei uns schläft. Nachdem wir ihm unsere Sichtweise erklärt haben und auch die Vorzüge erläutert haben, die ein eigenes Bett hat, schläft er nur noch an manchen Tagen bei uns. Allein die Tatsache, dass er bei sich im Bett Gutenachtgeschichten hören kann, macht das eigene Bett für ihn ganz ohne unser Zutun reizvoll. Kurzum: Nicht unsere Kinder sind das „Problem“, sondern wir, weil wir sie zu dem machen, was sie sind!

Ein ganz einschneidendes Erlebnis hatten wir, als wir ihn von der Kita abholen wollten. Wir (Eltern) standen mit T. in der Hand an der Tür: „P., komm jetzt, wir wollen nach Hause!“. P. läuft weg. Früher wäre ich spätestens jetzt sauer gewesen und verzweifelt. Andere Eltern hätten vielleicht ihr Kind geschnappt. Ganz früher hätte man sein Kind bestraft für das Fehlverhalten. Eine Möglichkeit wäre es auch gewesen ihn einzufangen, nur ist das nicht meine Art. Ich hatte nun mehrere Möglichkeiten: stehen bleiben und Tonbandansagen abspulen (nicht P.s „Sprache“), Kind anschreien (nicht P.s „Sprache“) oder die Situation lösen und anschließend klären. Ich entschied mich für 3. drehte auf dem Absatz um, gab meinem Mann ein Zeichen und ging aus dem Raum nach unten. Es dauerte keine Minute und P. stürmte heulend hinterher. Er war wütend. Ich suchte den Blickkontakt und kniete mich nieder und hielt ihn fest uns sagte dann: „P., wenn wir dich holen, will ich, dass du mit nach Hause gehst. Ich werde keine Stunde auf dich warten.“. Er weinte noch mehr und sagte: „Aber, ich wollte doch nur Maximilian (Name geändert) etwas sagen und ihr hattet keine Zeit das abzuwarten.“. Auch hier habe ich erkannt, dass wir oft aneinander vorbei sprechen. Für ihn war es wichtig dem Jungen noch etwas zu sagen, für mich war es wichtig, dass er sofort (wie es sich für ein Kind gehört *pfeifffffffff*) Folge zu leisten. Ich habe meine Ansprüche über seine gestellt. Nun möchte ich die Geschichte aber nicht so stehen lassen, denn schließlich braucht man ja die Moral der Geschicht. Wir haben uns mit ihm darauf verständigt, dass er ab sofort direkt zu uns kommt und uns sagt, wenn er noch etwas „zu erledigen“ hat. Sollte dem so sein, räumen wir ihn dafür ein paar Minütchen noch ein und schon wird ein großer Ärger vermieden. Es tut uns nicht weh einen Schritt auf ihn zu zugehen und ihm auch nicht sich etwas nach unseren Bedürfnissen zu richten…

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Kleidung gestellt von Maxomorra

SO kann Erziehung funktionieren

Genau diese Erkenntnis hat einige „Probleme“ hier beseitigt. Wir hören uns zu, wir lassen uns aussprechen, wir hinterfragen ab sofort, warum jemand anders reagiert, als man es selbst gerne hätte und wir sind bereit Kompromisse zu finden. Ich selbst habe aufgehört meinem Kind zu drohen, ich halte auch nichts von bestrafen und ich überlege mir bei jeder Konsequenz, ob ich diese auch meinem Partner oder mir selbst aussprechen würde. Wir als Eltern achten darauf, dass wir genau sagen, was wir wollen und warum wir etwas wollen (an dieser Stelle danke ich dann doch mal den Herrn Juul für den Anstoß) und unsere aller wichtigste Erkenntnis: Wir fangen an die Sprache unserer Kinder zu sprechen und hören verdammt noch mal auf, uns auf das Niveau eines Kleinkindes zu stellen und dann zu erwarten, dass unser 4,5 Jähriger bitte vernünftig(er) reagiert.

kinder sprache sprechen (4)

Kleidung gestellt von Maxomorra

Wir haben den Schlüssel in der Hand

Und um es abschließend nochmal zu verdeutlichen: Wir müssen damit aufhören uns selbst wie Kinder zu benehmen und dann von unseren eigenen Kindern zu erwarten, dass sie „erwachsen“ handeln – das kann nicht funktionieren! Ich sehe es immer wieder bei anderen Kindern oder Menschen in meinem Alter, die früher geschlagen wurden. Die Eltern wundern sich dann oft, warum die Kinder selbst hauen. Die Antwort ist so einfach, wie logisch: Was ich nicht will, was man mir tut, das füg ich keinem anderen zu. Dieser Satz sollte ebenso für Eltern gelten! Schlage ich mein Kind, wie kann ich dann die realistische Erwartung haben, dass es selbst nicht schlagen soll? Das ist der größte Käse der Welt!

Genauso muss es ein Ende haben, dass wir auf Nachbarstisch blicken und uns dort Werte übernehmen. Ich habe beispielsweise damit aufgehört meine Kinder zum Sitzenbleiben zu zwingen, nur weil es die Gesellschaft von uns erwarten würde. Sie sollen essen, bis sie satt sind und dürfen dann aufstehen. Im gleichen Atemzug wissen sie aber, dass mit dem Aufstehen für sie das Essen beendet ist (Nachschlag ist dann auch ausgeschlossen) und damit fahren wir gut. Mir ist es egal, ob dann einen Tisch weiter die Nase hochgezogen wird und der Kopf geschüttelt!

Wir haben aufgehört darauf zu pochen, dass sie genau das essen, worauf wir Lust haben – wenn sie es nicht wollen, können sie Alternativen wählen, müssen aber beim Kochen mit anpacken bzw. das Brot sich dann selbst schmieren (hier gilt es natürlich das Alter des Kindes zu beachten). Wir haben damit aufgehört uns mit dem morgendlichen Anziehen herumzuschlagen. Er kann mit 4,5 Jahren selbst dafür Verantwortung tragen. Braucht er Hilfe, dann bekommt er diese – er muss es nur sagen. Bummelt er, geht Spielzeit verloren oder er muss dementsprechend eher aufstehen, die Konsequenz sprechen wir nicht aus – sie folgt von selbst. Wir haben aufgehört die Kinder die ganze Zeit zu bespaßen – Sie können gut selbst entscheiden, wann sie spielen wollen und JEDER braucht auch mal seine Zeit für sich. Möchten sie zusammen spielen, werden sie uns das sagen. Wir haben aufgehört den kompletten Haushalt zu übernehmen. Die Kinder lernen schnell, dass durch freiwilliges Helfen mehr Zeit für „schöne, gemeinsame Momente“ übrig bleibt.

 

Für all die Sachen braucht es keine Strafe oder Verbote, denn die Konsequenz erkennen sie von ganz alleine und diese ergibt sich ohne Ankündigung automatisch. Trinkt das Kind zu wenig Wasser, bekommt es den Kakao eben erst, nachdem es ein halbes Glas Wasser getrunken hat. Bedingung ist auch hier wieder, dass wir Eltern es vorleben. Bei allen Punkten haben wir Eltern den individuellen Erziehungscode selbst in der Hand für unsere Kinder – wir wissen es nur nicht, wir müssen es erst begreifen und manchmal uns auch selbst ein wenig aus dem „Dreck ziehen“ und verändern. Wichtig ist immer, dass wir reden und uns auf die Ebene des Kindes stellen und erklären: „Weißt du, lass uns doch schnell zusammen den Trockner einräumen, dann schaffen wir sicher noch deine gewünschte Runde Karten.“ Lehnt das Kind dies ab, so ist es eben dessen Entscheidung. „Auch, wenn du noch nicht müde bist, will ich dass du jetzt in dein Bett gehst. Es ist jetzt Elternzeit und genauso wie wir heute Zeit mit dir verbracht haben, wollen wir jetzt alleine unsere Zeit verbringen.“.

 

Achso und wer sich jetzt denkt: Und was macht sie, wenn ihr P. jetzt anderer Meinung ist und bockt und schreit? Auch das kann ich euch sagen. Natürlich gibt es nach wie vor Punkte, die zu Traurigkeit oder Wut führen, wie zum Beispiel, dass es nicht die ganze Zeit Kakao und Saft gibt oder nur 30 min Tablet, dass Schlafenszeit ist oder Zähneputzen Pflicht ist. Dann ist es so, dass der P. bockt. In dem Fall frage ich ihn, warum er jetzt so wütend ist. In der Regel kommt: „weil ich nicht mehr gucken darf.“, „Weil ich keine Zähne putzen will.“ usw… Dann sage ich nochmal deutlich: „Du hast xy Folgen geschaut und so war es vereinbart. Du kannst nun wütend sein, aber das Tablet nehme ich trotzdem an mich.“ Damit lasse ich ihn im Raum und atme durch. Es hilft mir aus der Situation zu gehen und es hilft ihm seiner Wut freien Lauf zu lassen. In der Regel ist er 2 min später bei mir und meint, dass er sich jetzt beruhigt hat und ich nehme ihn dann in den Arm und sage, dass ich das schön finde.

 

<3 Sabrina